Unfallakte

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Unfall beim Absetzflug: Fallschirm löst in einer Cessna 206 aus

Ein Fluggast begleitet Fallschirmspringer und trägt dabei einen Schirm für Notfälle. Beim Abstieg löst dieser automatisch aus – in der Kabine

Von Redaktion

Adrenalin pur ist der Sprung aus einem Kleinflugzeug in die Tiefe. Allein der dünne Stoffschirm bremst den Sturz des Springers ab – zum einen aufregendes Sportgerät, zum anderen die ultimative Lebensversicherung. Schirme werden aber auch als Rettungssystem für Piloten und Passagiere eingesetzt. Ist ein Springer oder Fluggast jedoch mit dem Gerät nicht ausreichend vertraut, kann es selbst zur Lebensgefahr werden – wie ein schwerer Unfall am Flugplatz Stadtlohn-Vreden auf dramatische Weise zeigt.

Bei besten Sichtflugbedingungen startet am 11. Juli 2009 eine Cessna U206G von der 1080-Meter-Piste im Münsterland. Es ist für den Piloten der neunte Absetzflug an diesem Tag. An Bord sind außer ihm drei Springer, ein Tandempaar sowie ein Fluggast, der den Tandemsprung seiner Schwiegertochter aus dem Flugzeug beobachten will. Die Fallschirmsprungschule hat dem 48-Jährigen gegen Zahlung einer Passagiergebühr gestattet, den Flug zu begleiten.

Absetzflug im Münsterland: Die Cessna 206 bringt drei Springer in die Luft

Eine Helferin der Sprungschule hat ihm einen Fallschirm für Schüler angelegt. Er ist mit einem elektronischen Öffnungsautomaten (AAD) ausgestattet – und dieser ist aktiviert. Der Pilot wird von ihr darüber nicht informiert; er geht davon aus, dass die Notauslösung abgeschaltet ist. Dabei belässt er es. Außerdem glaubt er, dass der Passagier ein Briefing über das Verhalten an Bord während des Absetzfluges erhalten hat. Auch das stimmt nicht. In 4000 Fuß MSL erreicht die sechssitzige Cessna, die in den USA registriert ist, die Absetzhöhe. Die drei Solospringer steigen aus der Kabine und halten sich außen an der Maschine fest, das Tandempaar wartet an der Kabinentür. Nacheinander springen sie ab; der Tandemmaster schließt kurz vor dem Absprung noch die Rolltür.

Rohe Kräfte: Als der Passagier vom Fallschirm aus der Kabine gezogen wird, reißt er ein großes Loch in den Rumpf. Dabei verletzt er sich schwer. Der Pilot kann sicher landen (Foto: BFU)

Wenig später geht der Pilot in den Sinkflug über. Sein verbliebener Passagier, der zunächst neben ihm auf dem Kabinenboden kniete, kriecht nun ins Heck der Maschine, um die Springer aus dem hinteren linken Fenster besser sehen zu können. Auf Anweisung des Piloten verlässt er seinen Beobachtungsposten aber wieder und sucht im vorderen Teil der Kabine Halt an einem Griff. Ein Gurt ist hier nicht vorhanden. Schließlich findet er zwischen Rolltür und Kabinenboden eine schmale Öffnung, durch die er den Sprung des Tandempaars weiter beobachten kann. Der Pilot steuert die Maschine derweil steil nach unten, um keine Zeit zu verlieren, denn am Flugplatz warten bereits die nächsten Springer.

Mit einem Knall löst der Fallschirm des Passagiers aus: Steil geht es nach unten

Als die Cessna im Landeanflug auf die Piste 29 ist, passiert es: Mit einem Knall wird der Fallschirm des Passagiers durch den Öffnungsautomaten herausgeschleudert. Nur Augenblicke später zieht die Schirmkappe, die durch die Öffnung an der Rolltür aus der Kabine geschossen wurde, den Passagier mit Wucht aus dem Flugzeug hinaus, er verliert dabei das Bewusstsein. Er reißt ein Loch in die Kabinenwand und verletzt sich schwer: Seine Hals- und Brustwirbelsäule ist mehrfach gebrochen, neben Verletzungen an den Beinen erleidet er ein Schädelhirntrauma. Er landet etwa zweieinhalb Kilometer östlich des Platzes auf einem Feld. Der Pilot kann die beschädigte Cessna in EDLS sicher landen. Vom Deutschen Fallschirmsportverband gibt es eine Empfehlung mit Richtlinien für Gastflüge wie den beschriebenen. Auch hat die Sprungschule ein Handbuch, in dem die Mitnahme von Passagieren im Absetzflugzeug geregelt ist.

Beide Dokumente verlangen für Gäste an Bord unter anderem, dass sie einen Beförderungsvertrag unterschreiben. Darüber hinaus sollen sie in kleineren Flugzeugen für Notfälle immer einen Fallschirm mit Öffnungsautomat tragen, mit dessen Gebrauch sie vertraut gemacht werden müssen. Nicht zuletzt muss der Pilot darüber informiert sein, dass ein Gast mit aktiviertem AAD an Bord ist, um die Sinkrate so weit anzupassen, dass es nicht zu einer ungewollten Notauslösung kommt. Den Ermittlern der Bundestelle für Flugunfalluntersuchungen (BFU) erscheinen die Widersprüche und Kommunikationspannen, die ihre Recherchen zutage fördern, besonders auffällig. Beim fraglichen Flug gab es offenbar gleich mehrere Missverständnisse und Versäumnisse.

Untersuchungen der Ermittler: Lückenhafte Kommunikation zum Unfallzeitpunkt

Weder hatte der Passagier eine ausreichende Einweisung erhalten, noch einen schriftlichen Beförderungsvertrag unterschrieben. Die Helferin, die dem Fluggast den Fallschirm angelegt hatte, unterließ es, den Piloten auf den Betriebszustand des AAD (eingeschaltet) hinzuweisen. Dieser ging – entgegen der hauseigenen Verfahrensliste – noch dazu davon aus, dass die Notauslösung ausgeschaltet sei, und sah daher im weiteren Verlauf auch keinen Anlass, beim steilen Sinkflug die Sinkrate anzupassen. Schließlich war es auch ein großes Risiko, dass der Fluggast in der Kabine unangeschnallt und ohne festen Halt war: Angeschnallt und mit dem Rücken zur Flugrichtung sitzend wäre die Gefahr, am ausgelösten Schirm aus dem Flugzeug gezogen zu werden, vermutlich von vornherein gebannt gewesen.

Mangelhaft: Die FAA-Prüfer hätten die Modifikationen der Springermaschine beanstanden müssen, so die BFU (Foto: BFU)

Auch die Zulassungsprüfer der US-Behörde FAA sind Teil der Unfallkette: Nach den Richtlinien ihrer Behörde entsprach die Ausstattung der 206, insbesondere die Ausführung des so genannten Eichenberger-Skydiving-Kits, nicht der Musterzulassung. Dennoch wurde dies in den folgenden Jahren in drei europäischen Ländern von den lizenzierten FAA-Prüfern nicht beanstandet – eine zumindest fragwürdige Prüfqualität. Zuschauer ohne Sprungerfahrung und -absicht, so die BFU, sollten bei Absetzflügen künftig besser am Boden bleiben.

Text: Samuel Pichlmaier, fliegermagazin 5/2014

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