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Rätselhafter Spritmangel: Rundflug mit Cessna 172D endet als Notfall
Ein Rundflug mit Passagieren über der Insel Usedom findet ein jähes Ende, als der Motor plötzlich zu stottern beginnt. Aus der sicher scheinenden Landung wird kurz nach dem Einflug in die Platzrunde ein Notfall

So schön es ist, Freunde und Bekannte bei einem Flug mitzunehmen: Der eigentlich doch unterhaltsame Trip kann rasch in Stress ausarten, wenn die Mitflieger grundlegende Regeln missachten oder sie schlicht nicht kennen, weil der Pilot es versäumt hat, sie zu erklären. Schon beim allzu sorglosen Einsteigen kann einiges schieflaufen, wenn Passagiere auf Klappen oder Querruder treten, die Türen zuknallen oder nicht richtig schließen. Dass Schalter und Hebel im Cockpit für alle außer dem Piloten tabu sind, leuchtet auch „Fußgängern“ ein – es kann aber nicht schaden, trotzdem nochmals darauf hinzweisen. Heikel wird es allerdings, wenn ein Bedienelement so eingebaut ist, dass es durch die Ungeschicktheit eines Passagiers verstellt werden kann, im schlimmsten Fall sogar vom Piloten unbemerkt.
Am 25. Juni besteigen zwei Passagiere und ein Pilot am Inselflughafen Heringsdorf eine Cessna 172 für einen Rundflug über Usedom. Eine Passagierin muss wegen einer Verletzung am linken Fuß mit Krücke ins Flugzeug steigen, sie zwängt sich mit ihrer Gehhilfe auf den rechten hinteren Sitz der Cessna. Von dort will sie während des Flugs fotografieren. Um 14.26 Uhr startet die Maschine bei besten Sichtflugbedingungen von der 2305 Meter langen Asphaltpiste. Alles läuft nach Plan: Nach knapp 30 Minuten kehrt der Hochdecker nach EDAH zurück. Der Pilot meldet sich per Funk um 14.50 Uhr bei Heringsdorf Turm zur Landung und bekommt eine Freigabe als Nummer zwei für die Piste 28.
Cessna 172: Ein ganz normaler Rundflug im Kleinflugzeug
Als sich die Maschine dem Platz nähert, beginnt der Motor plötzlich zu stottern, und der Pilot registriert mehrfach einen Drehzahlabfall. Die Passagierin auf dem hinteren Sitz ist so mit Fotografieren beschäftigt, dass sie von den Motorproblemen nichts bemerkt. Dem Piloten jedoch fällt auf, dass die Drehzahlschwankungen immer dann auftreten, wenn sein Fluggast auf der Rückbank beim Fotografieren hin- und herrutscht. Die Cessna dreht nun aus dem rechten Queranflug nach Osten, um kurz darauf in Richtung Schwelle 28 zu kurven. Die Maschine hat inzwischen dramatisch an Höhe verloren: aus der Landung ist schlagartig eine Notlandung geworden.
Mit Mindestfahrt schwebt der Viersitzer vor der Schwelle nur knapp über dem Boden, doch es reicht nicht mehr. Die Cessna setzt in einem aus der Luft kaum erkennbaren Graben auf, der quer zur Piste verläuft. Dabei reißt die linke Tragfläche am hinteren Befestigungspunkt ab, Bugrad und das rechte Hauptfahrwerk werden vom Rumpf abgetrennt. Pilot und beide Passagiere verletzen sich schwer und werden zur Behandlung ins Krankenhaus gebracht. Trotz der Bruchlandung haben sie vermutlich großes Glück gehabt, da die Cessna beim Aufprall kaum noch Fahrt hatte.
Für die Ermittler der Bundestelle für Flugunfalluntersuchungen (BFU) in Braunschweig ist der Fall zunächst mysteriös: Beide Tanks des Wracks sind noch mit ausreichend Sprit gefüllt, insgesamt werden 50 Liter abgepumpt. Eine erhebliche Menge ist zudem nach dem Crash im Boden versickert. Zündmagnete, Kolben und Kurbelwelle funktionieren einwandfrei. Auch an Kraftstoffleitung, Filter und Schwimmer sind keine Schäden oder Verunreinigungen festzustellen. Lediglich an der Unterdruckpumpe und am Vergaser finden die Spezialisten Abnutzungsspuren und Wartungsmängel, die aber den Drehzahlabfall kurz vor der Notlandung nicht erklären können.
Motorausfall des Hochdeckers: Bis zur Piste reicht es nicht
Hinweise auf die Unfallursache gibt dagegen der zwischen den beiden Vordersitzen am Kabinenboden installierte Tankwahlschalter: Er steht nach dem Unfall auf 11-Uhr-Position zwischen den Rastungen für „Beide“ und „Linker Tank“. Außerdem ist im Schwimmergehäuse des Vergasers kein Sprit zu finden. Offenbar wurde die Kraftstoffzufuhr zum Triebwerk unterbrochen. In welcher Position aber der Tankwahlschalter im Flug zuletzt gerastet war, ist von den BFU-Ermittlungen nicht mehr eindeutig zu klären. Jedoch gehen sie der Aussage des Piloten nach, dass die Bewegungen der Passagierin mit dem Abfall der Motordrehzahl in Verbindung gestanden haben könnten. Dabei stellen sie in der Unfallmaschine nach, ob sich der Tankwahlschalter von der Rückbank aus versehentlich verstellen lässt. Und tatsächlich: Mit der Ferse ist es möglich, den Schalter aus der Position „Linker Tank“ in Richtung 11-Uhr-Position zu verschieben.
In dieser für den Betrieb nicht vorgesehenen Zwischenstellung kommt kein Sprit mehr zum Motor. Da alle anderen denkbaren Ursachen für den Leistungsverlust im Landeanflug ausgeschlossen werden können, bleibt den Experten nur diese kuriose Erklärung. Dass der Tankwahlschalter an einer derart ungünstigen Stelle platziert wurde, ist dem Hersteller vielleicht irgendwann selbst aufgegangen – das Bauteil wurde in späteren Baureihen weiter vorn, mittig unters Panel verlegt. Die Unfallmaschine vom Typ Cessna 172 D gehört allerdings noch nicht dazu – sie stammt aus dem Jahr 1962.
Text: Samuel Pichlmaier, fliegermagazin 12/2012
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