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Open-Air-Aufführung mit Absturz: Cessna 172 im Nachtflug

Bei einer Open-air-Aufführung des Theaterstücks „Der kleine Prinz“ ist der Überflug und die Landung einer Cessna geplant. Der Plan misslingt, und der Abend endet in einer Tragödie

Von Redaktion

Ein Nachtflug hat das Potenzial, zum unvergesslichen Erlebnis zu werden. Wenn die Landschaft in Mondlicht getaucht zu einem märchenhaften Ort wird, kommen selbst weniger romantische Piloten ins Schwärmen. Vermutlich hatten Regisseur und Veranstalter bei der Planung einer Theaterreihe in Oehna-Zellendorf eine ähnliche Szenerie vor Augen. Das Stück „Der kleine Prinz“ des Fliegerdichters Antoine de Saint-Exupéry wird in diesem Rahmen auf dem Verkehrslandeplatz Oehna-Zellendorf südlich der brandenburgischen Stadt Jüterbog aufgeführt.

Als einer der Höhepunkte des Open-air-Theaters sind der tiefe Überflug und die Landung einer Cessna 172 geplant. Bei den ersten Aufführungen hatte ein Mitarbeiter des ortsansässigen Luftfahrtunternehmens Fläming Air den Flieger-Part übernommen. Am 26. August 2011 fliegt der Chef selbst. Der 71-Jährige ist weit über die lokale Fliegerszene hinaus bekannt: Rudi Hackel betreibt in Oehna-Zellendorf zusammen mit seiner Familie den Flugplatz und eine Flugschule; sein Unternehmen produziert und vertreibt Luftfahrzeuge und bietet in Zusammenarbeit mit einem LTB Instandhaltung an. Der Pilot hat Berechtigungen als Fluglehrer sowie für Schlepp-, Kunst- und Nachtflug. Seine Flugerfahrung bei Dunkelheit beschränkt sich laut Flugbuch allerdings auf zwei Stunden und 40 Minuten. Auf der Cessna 172 sind es sogar nur 17 Minuten. Die hat er am Abend zuvor durch zwei Platzrunden an seiner Home-base absolviert.

Als ein Höhepunkt des Open-air-Theaters sind der tiefe Überflug und die Landung einer Cessna 172 geplant

Mit derselben Maschine startet er am letzten August-Freitag um 21.12 Uhr von der Piste 08. Die Sonne ist bereits eine gute Stunde vorher untergegangen, um 20.07 Uhr. Zum Theaterstück passend, müsste der Flugplatz und das umgebende Gelände in silbernes Mondlicht getaucht sein, doch an diesem Abend ist Neumond – eine dunkle Nacht. Unter dem wolkenlosen Himmel beträgt die Sicht zwar mehr als zehn Kilometer, doch für den Piloten sind die VFR-Bedingungen ungünstig: Der Flugplatz hat keine weithin sichtbare Anflugbefeuerung. Es gibt lediglich eine Pistenrandbefeuerung.

Flieger mit Leib und Seele: Rudi Hackel war in der Szene weit über Brandenburg hinaus bekannt (Foto: Archiv)

Nach dem Start kurvt die Cessna in Richtung Norden und dreht wenig später in einer 180-Grad-Kurve wieder auf Südkurs, um zum Platz zurückzukehren. Kurz darauf überfliegt der Hochdecker die Piste und dreht dann im Tiefflug nach rechts in westliche Richtung ab. Es ist wohl die letzte vollständig kontrollierte Bewegung der Maschine. Augenblicke später geht sie unvermittelt in einen steilen Sinkflug über. Eine sachkundige Zeugin wird später zu Protokoll geben, dass sie die Positionsleuchten plötzlich senkrecht stehend wahrgenommen habe, dann sei das Flugzeug aus ihrem Blickfeld verschwunden.

Nach dem Absturz der Cessna: Zwei denkbare Szenarien

Die Cessna stürzt in einem flachen Winkel und mit hoher Geschwindigkeit in eine Kiesgrube, etwa 1600 Meter westlich der Schwelle 08. Durch den Aufschlag erleidet der Pilot ein schweres Polytrauma. Er ist sofort tot. An der Unfallstelle zeigt sich die enorme Gewalt des Aufschlags: Bugfahrwerk und rechtes Hauptfahrwerk sowie beide Flügelhälften sind vom Rumpf abgetrennt. Auch Querruder und Landeklappen wurden mitsamt ihren Halterungen aus den Flügeln gerissen. Das Rumpfvorderteil mit Triebwerk und Cockpit liegt an einer anderen Stelle als die die Kabine, das Heck ist auf Höhe des Gepäckraums abgebrochen. Steuerhörner und Steuerstangen sind aus dem Instrumentenbrett herausgerissen.

Aufgrund des flachen Aufschlagwinkels und der Wracklage rekonstruieren die Ermittler der Bundesstelle für Flugunfalluntersuchungen (BFU) zwei verschiedene Abläufe für den Absturz. So könnte die Maschine in einen Trudelsturz geraten sein, aus dem der Pilot sie nicht mehr rechtzeitig abfangen konnte. Der flache Einschlag könnte bei diesem Szenario für einen zu späten Abfangbogen sprechen. Oder die Maschine wurde kontrolliert, aber orientierungslos ins Gelände gesteuert, ein so genannter controlled flight into terrain (CFIT). Für das erste Szenario, einen Strömungsabriss mit anschließendem Trudeln und missglücktem Abfangmanöver, würde die Vermutung der BFU-Ermittler sprechen, dass der Pilot kurz vor oder während der Endanflugkurve durch die Dunkelheit keine Referenz mehr zum Horizont hatte und deshalb zu langsam flog. Am Wrack wurde allerdings festgestellt, dass die Landeklappen zum Zeitpunkt des Absturzes eingefahren waren und der Gashebel bei zirka Dreiviertel Vollgas stand. Dies würde eher für einen schnellen Anflug ohne Erdsicht sprechen, womöglich orientierungslos.

Untersuchungsergebnis: Zu viele Handicaps

Ähnliche Fehleinschätzungen beschreibt der Luftfahrtexperte Gerd Spohd in seinem Buch „Menschliches Leistungsvermögen und dessen Grenzen in der Luftfahrt“, aus dem im BFU-Bericht zu dem Fall zitiert wird. Durch das so genannte Black-Hole-Phänomen, so der Autor, könne es nachts zu Fehleinschätzungen in Bezug auf Geschwindigkeit, Entfernungen sowie Höhe und Längsneigung des Flugzeugs kommen.

Flacher Aufschlag mit hoher Fahrt: Zelle mehrfach zerlegt, Querruder und Flaps aus den Flügeln gerissen (Foto: BFU)

Ein unscheinbares Detail, das die BFU-Ermittler zwischen den Wrackteilen fanden, könnte die vermutete Fehleinschätzung des Piloten hinsichtlich seiner Geschwindigkeit auch noch anders erklären: Das Staurohr an der linken Tragfläche, das der Geschwindigkeitsanzeige dient, war am Wrack abgeknickt. Kaum zwei Meter daneben fanden die Unfallermittler die Schutzhülle für das Messinstrument. Möglicherweise hatte der Pilot vergessen, sie vor dem Start zu entfernen und war dann mit unbrauchbarem Fahrtmesser losgeflogen. Es könnte aber auch reiner Zufall sein, dass die Schutzhülle beim Aufprall aus der Kabine hinausgeschleudert wurde und an dieser Stelle liegen geblieben war. Wenig Nachtflugerfahrung auf dem betreffenden Muster, ein bodennaher Flugverlauf, keine Fahrtanzeige oder keine Erdsicht – das waren zu viele Handicaps, selbst für einen Piloten mit sehr großer Gesamtflugerfahrung.

Text: Samuel Pichlmaier, fliegermagazin 6/2013

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