Unfallakte

/

Leistung gleich Sicherheit: Startunfälle von Robin DR400 und Piper PA-28

Zweimal das gleiche Problem: Beim Start kommt die Maschine nicht hoch, und am Ende der Piste steht ein Wald. Die Folgen sind fürchterlich

Von Redaktion
Foto: Archiv

Wenn in hitzigen Diskussionen die Rede ist von „der Leistungsgesellschaft, die alles und jeden bestimmt“, dann drückt das meist eine kritische bis ablehnende Haltung zum Wort „Leistung“ aus. Ganz anders in der Fliegerei: Hier ist die Rede von Leistungsreserve, Leistungsverlust oder gar von einem Leistungsvorteil. Die Formel lautet schlicht: Leistung gleich Sicherheit. Wer Leistung verschenkt, nicht nutzt oder nicht rechtzeitig merkt, warum er zu wenig Leistung hat, der hat rasch ein ernst zu nehmendes Problem, das schnell gelöst werden muss. Besonders beim Startlauf und im Steigflug bedeutet Leistung (fast) alles.

Zwei Unfälle aus dem vergangenen Jahr ähneln sich in der Trivialität ihrer Ursachen – leider auch in den verheerenden Folgen. Auf dem Segelfluggelände Rheinstetten bei Karlsruhe rollt am frühen Abend des 20. Mai 2012 eine Robin DR400 mit einem Piloten und drei Passagieren an Bord zum Startpunkt. Der Pilot ist mit über 1800 Flugstunden sehr erfahren. In seiner Lizenz, die er seit 1977 besitzt, sind zudem Berechtigungen für Kunstflug und F-Schlepp sowie die Lehrberechtigung eingetragen.

Start der Robin DR400 in Rheinstetten: Die Leistung reicht nicht aus

Als der 73-Jährige um 17.12 Uhr den Gashebel nach vorn schiebt und die Robin auf der leicht feuchten Graspiste beschleunigt, kommt die Maschine nicht recht auf Touren. Was der Pilot nicht bemerkt oder ignoriert: Er startet mit Rückenwind. Ein Flugleiter, der auf einen möglichen Irrtum bei der Betriebspiste aufmerksam machen könnte, ist nicht mehr aktiv, da der Segelflugbetrieb bereits eingestellt wurde. Eine Sonderregelung für den Flugplatz lässt den Start der Robin aber auch ohne Flugleiter vor Ort zu.

Chancenlos: Sowohl in Coburg (Bild) wie auch beim Absturz der Robin in Reichelsheim überlebt niemand (Foto: BFU)

Der Viersitzer hebt mit deutlich verlängertem Startlauf und kurz hinter der Halbbahnmarkierung von der 655 Meter langen Graspiste ab. Im Steigflug bewegt sich das Flugzeug Zeugen zufolge trotz des Rückenwinds langsamer als gewöhnlich – die Maschine will einfach nicht in Fahrt kommen. Der Wald am Ende der der Bahn kommt näher. Kurz vor der Waldkante fliegt die Robin noch immer viel zu tief. Der Pilot versucht jetzt, dem Hindernis durch eine Linkskurve auszuweichen. Doch das Manöver geht schief. Das Flugzeug kollidiert mit mehreren Bäumen und stürzt in den Wald. Die Kabine brennt fast vollständig aus, alle vier Insassen verlieren ihr Leben.

Die Robin DR400 startet mit Rückenwind und stürzt in den Wald

Ermittlungen der Bundestelle für Flugunfalluntersuchungen (BFU) zeigen, dass der Pilot mit gezogener Vergaservorwärmung gestartet war. Stark verrußte und verölte Zündkerzen weisen auf ein zu fettes Luft-Kraftstoff-Gemisch hin. Die Leistung des 180 PS starken Lycoming-Triebwerks war damit deutlich reduziert, der Rückenwind minderte die Leistungsreserven zusätzlich: Der Wald wurde unüberwindbar. Dass das Gelände in Verlängerung der „02“ zum Sicherheitsrisiko werden kann, ist in Rheinstetten bekannt: Die Regelung des Platzverkehrs schreibt vor, dass Starts in Richtung „02“ nur stattfinden, wenn durch entsprechende Startgewichtsbeschränkungen ein sicherer Überflug des angrenzenden Waldgebiets sichergestellt ist. Wie genau diese Beschränkung auszusehen hat, regelt die Anweisung jedoch nicht.

Rund zwei Monate nach dem Unglück von Rheinstetten, am Morgen des 5. August 2012, steht auf dem Sonderlandeplatz Coburg-Steinrücken eine Piper PA-28-181 am Rollhalt. An Bord sind drei Passagiere und die Pilotin. Die Gesamtflugerfahrung der 31-Jährigen ist mit 57 Stunden eher gering; auf der PA-28 hat sie kaum mehr als 8 Stunden in ihrem Flugbuch stehen. Zeugen beobachten, dass das Flugzeug schon nach dem vierten Landebahnreiter von der Bahn abhebt, ohne danach an Höhe zu gewinnen oder Fahrt aufzunehmen. Wie in Rheinstetten steht in Verlängerung der Piste ein Wald, allerdings in einiger Entfernung. Unter normalen Umständen kein Problem, zumal in Startrichtung „07“ das Gelände hinter dem Pistenende abfällt: Im Notfall gäbe es somit einen gewissen Spielraum, etwa um durch Nachlassen des Höhenruders Fahrt aufzunehmen und die Bäume dann mit ausreichender Höhe zu überfliegen.

Piper Pa-28 in Coburg-Steinrücken: Gefangen im Bodeneffekt

Doch der Pilotin entgeht, dass sie die Piper in einen Sackflug manövriert hat und sich diese allein im Bodeneffekt noch in der Luft hält. Noch dazu sind – vermutlich versehentlich – die Landeklappen voll ausgefahren, was die ohnehin kritische Situation noch verschärft. Auf diese Weise nähert sich die Maschine in Verlängerung der Piste dem Wald. Nur wenige Augenblicke nach dem Start streift der Tiefdecker die erste Baumkrone. Die Pilotin versucht mit einer leichten Rechtskurve dem Hindernis auszuweichen, doch es klappt nicht. Die PA-28 kracht in die Bäume und anschließend auf den Waldboden. Das Flugzeug brennt wie die Robin vollständig aus. Keiner der Insassen überlebt den Absturz.

Alltagsflieger: Die PA-28 gehört zu den verbreitetsten Mustern für Privatpiloten (Foto: Archiv)

Dem Handbuch entnehmen die BFU-Experten für den Metalltiefdecker beim Start von einer Graspiste bei eingefahrenen Klappen eine Startrollstrecke von 420 Metern. Sie verkürzt sich bei 25 Grad Klappenstellung auf 372 Meter. Ein Start mit voll ausgefahrenen Klappen (40 Grad) ist im Flughandbuch der Piper wegen des hohen Widerstands erst gar nicht vorgesehen. Beide Piloten haben beim Start grundlegende, im Handbuch vorgesehene Verfahren und Berechnungen offenbar missachtet – in beiden Fällen erwies sich das als eine tödliche Nachlässigkeit.

Text: Samuel Pichlmaier, fliegermagazin 12/2013

Schlagwörter
  • Unfallakte
  • Flugplatz
  • Bayern
  • Piper
  • Piper PA-28
  • Viersitzer
  • Deutschland
  • Europa
  • Kunstflug
  • Tiefdecker
  • Lycoming
  • fliegermagazin
  • Graspiste
  • Lizenz
  • Privatpiloten
  • PA28
  • Bäume
  • Wald
  • Flugstunden
  • Unfall
  • Rückenwind
  • Sonderlandeplatz
  • Brand
  • BFU
  • Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung
  • Bodeneffekt
  • Crash
  • Segelfluggelände
  • Manöver
  • Steigflug
  • Startlauf
  • Passagiere
  • Gashebel
  • Landeklappen
  • Absturz
  • kollidiert
  • Kollision
  • Robin DR400/180
  • Startpunkt
  • Muster
  • Leistung
  • ausweichen
  • Lehrberechtigung
  • Feuer
  • Leistungsverlust
  • Oberfranken
  • Gesamtflugerfahrung
  • Halbbahnmarkierung
  • Startrollstrecke
  • Startunfall
  • Sackflug
  • zu früh abgehoben
  • Pistenende
  • Baumkrone
  • kracht
  • Handbuch
  • Leistung gleich Sicherheit
  • Leistungsreserve
  • Leistungsvorteil
  • F-Schlepp
  • EDTK
  • Karlsruhe
  • Betriebspiste
  • Segelflugbetrieb
  • ohne Flugleiter
  • Sonderregelung
  • feuchte Graspiste
  • Waldkante
  • Vergaservorwärmung
  • gezogene Vergaservorwärmung
  • Luft-Kraftstoff-Gemisch
  • zu fettes Luft-Kraftstoff-Gemisch
  • verölte Zündkerzen
  • Zündkerzen
  • Startgewichtsbeschränkungen
  • Sicherheitsrisiko
  • Piper PA-28-181
  • Überflug
  • Waldgebiet
  • Platzverkehr
  • Verlängerung
  • ‎EDQY
  • Landebahnreiter
  • Verlängerung der Piste
  • Metalltiefdecker
  • eingefahrene Klappen
  • Nachlässigkeit
  • voll ausgefahrene Klappen