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Bedingt flugtauglich in den Alpen: Geländekollision einer Cessna 172
Eine deutsche Cessna fliegt von Tirol nach Südhessen. Die Crew ist schlecht vorbereitet – und in den Alpen gibt es wenig Spielraum für Fehler

Es ist eines der unbestrittenen Privilegien von Privatpiloten: innerhalb kurzer Zeit im Urlaub sein zu können – ganz ohne Autobahnstress, Stau oder Nadelöhrtunnel in den Süden. Eine Crew aus dem südhessischen Michelstadt schafft den Sprung nach Süden, ins österreichische Kufstein im Tiroler Unterland, am 28. September 2009 in gerade mal zwei Stunden und zehn Minuten. Der Weiterflug zum eigentlichen Tagesziel gestaltet sich dagegen schwieriger: Das nur 25 Kilometer entfernte St. Johann erreicht die Cessna 172 erst nach einem 50-minütigen Irrflug. Dem Betriebsleiter des Alpenplatzes berichtet der Pilot, er habe die Piste nicht gleich gefunden, da er lange nicht mehr im Gebirge geflogen sei.
Nach wenigen Tagen Kurzurlaub in den Tiroler Alpen machen sich der Siebzigjährige und sein 69 Jahre alter Begleiter am 2. Oktober wieder auf den Rückweg nach Michelstadt. Der Hochdecker hebt um 12.23 Uhr von der Piste 31 in St. Johann ab und nimmt an der Südflanke des Wilden Kaisers Kurs nach Westen. Bis Kufstein steigt die Cessna auf 4500 Fuß. Als die beiden Südhessen das Inntal erreichen, drehen sie nach Norden und folgen dem Fluss. Mit einer Digitalkamera schießt der Fluggast über den Alpen Fotos. Auf ihnen ist eine Flugsicht von mehreren Kilometern zu erkennen, doch die Gipfel der Alpen und des Alpenvorlands sowie die Hänge auf beiden Seiten des Inntals sind in Wolken gehüllt.
St. Johann erreicht die Cessna 172 erst nach einem 50-minütigen Irrflug
Durch die Kaltfront eines Tiefdruckgebiets über Osteuropa stehen die Alpen unter dem Einfluss eines massiven Nordstaus. Die Wetterstation des 1838 Meter hohen Wendelstein-Gipfels meldet nur 100 Meter Sicht. Zwischen Elmau und Oberaudorf, auf der Route der Cessna, liegt der Bedeckungsgrad in 2000 Fuß GND bei sechs Achtel. Oberhalb 3600 Fuß MSL ist die Wolkendecke auf dem Flugweg geschlossen. Am nördlichen Alpenrand liegt die Untergrenze noch niedriger als in den Alpentälern.
Kurz nachdem die Cessna die deutsche Grenze passiert hat, ändert der Pilot noch einmal den Kurs und verlässt mit einer Linkskurve das Inntal. Nur wenige Sekunden später, 18 Minuten nach dem Start in St. Johann, prallt die Maschine gegen den 1117 Meter hohen Sulzberg. Die beiden Insassen haben durch die Wucht des Aufschlags keine Überlebenschance. Erst elf Stunden später erreichen die Rettungskräfte das Wrack in dem abgelegenen, unwegsamen Bergwald und bergen die Toten. Die Trümmer der Cessna liegen nur 35 Meter unterhalb des Sulzberggipfels. An der Absturzstelle sind mehrere Baumwipfel durch den Einschlag der Maschine abgetrennt und zu Boden gefallen, das Wrack ist zwischen einigen Bäumen verkeilt, Trümmer hängen im Geäst.
Rückflug der Cessna 172: Schlechte Sicht, nahe Berge
Hauptschalter, Positionslichter und die Kollisionswarnleuchte sind beim Eintreffen der Bergungsmannschaft noch eingeschaltet, ebenso ein Funkgerät, gerastet ist die Frequenz von St. Johann. Die Nadel des Höhenmessers ist bei 3150 Fuß stehengeblieben, das Variometer zeigt 50 Fuß Steigen an. Die Ermittler der Bundestelle für Flugunfalluntersuchung (BFU) können persönliche Gegenstände wie die Digitalkamera und das Flugbuch des Piloten in unversehrtem Zustand bergen. Doch wichtige Informationen fehlen, und es stellt sich rasch die Frage: Welche Daten hatte der Pilot zur Flugvorbereitung eingeholt? Außer Kartenmaterial und einem mehrere Tage alten Ausdruck einer Internet-Wettervorhersage ist kein Hinweis darauf zu finden, ob und wie sich der Pilot auf den Flug vorbereitet hat.
Er war weder Kunde des Internet-Briefing-Systems pc_met, noch lag für das Kennzeichen der Maschine eine individuelle Wetterberatung vor. Vermutlich, so die Einschätzung der BFU-Experten, war dem Unglück eine mangelhafte Flugvorbereitung und Wetterberatung vorausgegangen. Über dem nördlichen Alpenvorland hatte sich der Pilot wahrscheinlich schlicht verschätzt und angenommen, den Alpenraum verlassen und deutlich niedrigeres Gelände erreicht zu haben. Nach einer Linkskurve, deren Grund nicht ganz nachvollziehbar bleibt, flog die Cessna auf die am Nordrand der Alpen gestauten Wolken mit absinkender Basis zu. Der Sulzberg, zu dem der Kurs nun führte, lag zu dieser Zeit in den Wolken.
Ermittlungen zum Cessna-Piloten: Gesundheitliche Probleme
Die Obduktion zeigt, dass Pilot und Passagier physisch angeschlagen waren, wenn auch aus sehr unterschiedlichen Gründen: Der 70-jährige Pilot litt an einer altersbedingten Herzmuskelschwäche, die nach dem Befund der Rechtsmediziner durchaus geeignet gewesen wäre, „Führungsabläufe am Steuer eines Flugzeugs zu beeinflussen“. Bei dem Fluggast wurde eine Blutalkoholkonzentration von bis zu 2,95 Promille nachgewiesen – ein Wert, der nach Meinung der Gutachter ebenfalls Einfluss auf das Geschehen im Cockpit gehabt haben könnte. Doch all das bleibt spekulativ.
Traurige wie auch vielsagende Dokumente sind dagegen die letzten Bilder aus der Digitalkamera: Auf einem ist zu sehen, wie der Pilot sich mit beiden zu Fäusten geballten Händen krampfhaft am Steuerhorn festzuklammern scheint. Diesen Kampf hat er am Ende verloren.
Text: Samuel Pichlmaier, fliegermagazin 3/2014
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